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Blog: Lydia und das Leben

Donnerstag, 24. November 2011

Lydia August 2011
Credit: einbesondereskind.blogspot
Am 6. Juli 2009 wurde Lydia geboren. Ein ganz normales kleines Mädchen, das schon einen ordentlichen Weg in seiner Entwicklung gegangen ist. Vom Kopf heben über Krabbeln, erste gesprochene Worte - in ihrer eigenen Sprache, versteht sich - und Greifen und Lachen und Sitzen und Reiten und "Übersetzen" und und und .... bis hin zum unlängst begonnenen motorischen Reagieren auf Wörter, die sie hört. Toll!

Nun könnte bald der nächste große Schritt anstehen. Und zwar der erste Schritt. Und selbst wenn dieser noch ein oder zwei Jahre auf sich warten lässt, wäre diese Phase doch ein guter Moment, um einzusteigen in:

Alessandra Fatuzzi - Darf eine junge Frau mit Down-Syndrom (mit-)verantwortlich für die Erziehung meiner Kinder sein?

Mittwoch, 9. Juni 2010

Wir stellen diese Frage bewusst ein wenig provokativ.
Um zu verstehen, worum es überhaupt geht, müssen Sie sich aber erst einmal folgendes Video ansehen: Kindergärtnerin mit Down-Syndrom (Kurzreportage im Schweizer Fernsehen) - verbunden mit Dank an Lydias Mami für den Hinweis.

Einverstanden: Menschen mit Down-Syndrom haben ein anderes Potential als Menschen ohne Down-Syndrom. Neue Tätigkeitsbereiche und selbst neue Berufe werden geschaffen.
Dass man in unserem Fall den Schritt getan hat, INKLUSION (welche unseres Erachtens erst als verwirklicht betrachtet werden kann, wenn man das Wort nicht mehr braucht) so groß zu schreiben, dass man einen Menschen mit Down-Syndrom aktiv an der Erziehung von Kindern teilhaben lässt, ist zweifellos extrem lobenswert.

Alessandra Fatuzzi - Darf eine junge Frau mit Down-Syndrom (mit-)verantwortlich, Arbeit Beruf Schule Ausbildung, Behinderung Handicap, Down Syndrom, Extrachromosom, Integration integrativ, Italien, Politik Gesetz Recht, Trisomie 21, Video,
Foto: Alessandra Fatuzzi im Schweizer Fernsehen

Wie aktiv ist nun aber Alessandras neu geschaffener Berufszweig wirklich?
Welche Verantwortung besitzt sie?
Ist der Begriff "Kindergärtnerin" gerechtfertigt; handelt es sich tatsächlich um einen halbwegs vollwertigen Arbeitsplatz, oder geht es eher um eine für den Krippenbetreiber billige Stelle als Hilfskraft?

Diese und viele andere Fragen stellten sich uns sofort beim ersten Ansehen des Berichts.
Es wird nicht gesagt, wie viele Stunden Alessandra pro Tag, Woche oder Monat in der Kinderkrippe tätig ist. Es wird nicht allzuviel davon gezeigt, wie die "Spielassistentin" mit den Kindern zusammen ist und ihnen möglicherweise sogar etwas zeigt.
In der Küche und beim Saubermachen - meist also fein im Hintergrund - sehen wir Alessandra. Ausnahmen: Beim Füttern und Händewaschen sehen wir sie tatsächlich zusammen mit den Kindern.

Wir können vorstellen, dass Lydias Mami etwas betrübt von folgendem Umstand ist: Alessandras Bezahlung.
Da ist in der Reportage einerseits die Rede von einer 10-jährigen Ausbildung und einem extra neu geschaffenen Beruf, und fast im gleichen Atemzug spricht man dann von einem symbolischen Lohn von 230 Euro pro Monat als Entschädigung.


Damit niemand die Richtung unserer Kritik fehlinterpretiere:

Alessandra ist dort, die Kinder haben jeden Tag mehr als indirekten Kontakt mit ihr. Die Meinungen der befragten Eltern und der Direktorin ernten unseren Beifall. Im Großen und Ganzen beurteilen wir die Angelegenheit also als eine fantastische mit gigantischem Potential (hinsichtlich einer realistischen Umsetzung des humanen - nicht des politischen - Ziels der Integration von Menschen mit Behinderung).

Aber am Detail muss noch gearbeitet werden.

Wenn es sich um einen Hilfsjob handelt, dann sollte man ihn auch so nennen und keine Schönfärberei betreiben - das kann auf lange Sicht nicht im Sinne der Sache sein.
Wenn es sich um einen JOB handelt, dann sollte dieser auch ENTLOHNT und nicht ein symbolischer Pipibetrag als Anerkennung und Entschädigung überreicht werden.
Wozu Alessandra dort in der Krippe beruflich wirklich in der Lage und was dies an finanzieller Gegenleistung wert wäre, steht auf einem anderen und gewiss nicht unstreitbaren Blatt, aber vielleicht sollte man sich auch darüber noch einmal Gedanken machen.
Denn solange zumindest der Eindruck entsteht, dass Alessandra nur dort in der Krippe sein darf (im Sinne von "geduldet werden"), ist das Ziel der Gleichbehandlung noch nicht erreicht.

Trotzdem sei noch einmal unser Hut gezogen vor dieser wichtigen Entscheidung, die man getroffen hat und welche unter den (noch) herrschenden Umständen aus Sicht der Kinderkrippe zweifellos auch ein gewisses Risiko darstellte.

Paula und der Sondelfinger Kindergarten in der Reichenecker Straße - Inklusion ist mehr als nur eine gesetzliche Forderung

Sonntag, 6. Juni 2010

"Von Kopf bis Fuß ganz Paula" hat Andreas Dörr seinen Artikel genannt, in dem er von der sechsjährigen Paula und ihrem Umfeld berichtet. Und in dem er eine ganze Menge Leute zu Wort kommen lässt, welche wiederum so einige Dinge sagen, über die man als Leser oder Zuhörer vielleicht ein zweite Mal nachdenken könnte. Wenn man diese Dinge nicht sowieso schon als Selbstverständlichkeit verinnerlicht hat.

Aber lesen Sie selbst: >>> Zum Artikel im Reutlinger Generalanzeiger

Integration Kindergarten & Schule: Schaden oder "bremsen" Kinder mit Behinderung ihre Mitschüler? (Diskussion)

Dienstag, 25. Mai 2010

Der Ausgangsbeitrag:

Integration soll negativ sein ?

Ich habe letzte Woche den Bescheid vom KiGa bekommen, dass meine Tochter für September einen Platz bekommen hat.
Nun habe ich bereits bei der Anmeldung gesagt, ich fände es schön, wenn sie in die Integrationsgruppe käme, also gemeinsam mit behinderten und nichtbehinderten Kindern.
Nun ist Mitte Juni der erste Infoabend wo es auch um die Aufteilung in die verschiedenen Gruppen geht.
Für mich ist klar, dass meine Tochter in die Integrationsgruppe geht, wenn das machbar ist - einfach aus dem Grund, weil ich es schön fände, wenn sie damit aufwächst, dass der Umgang mit behinderten Menschen so normal ist wie mit nichtbehinderten. Ich wünsche mir für sie ein Aufwachsen in Toleranz, soweit ich ihr das ermöglichen kann.
Auch in der Spielgruppe, in der sie im Moment noch ist, ist ein Junge mit Down-Syndrom.
Nun hat mir eine andere Mutter aus dieser Spielgruppe "im Vertrauen" gesagt, dass sie ihr Kind niemals in die Intergrationsgruppe geben würde, denn da werde es nicht gescheit gefördert und bliebe auf der Strecke, zumal ein Kind ja auch das Recht hat, eine gesunde Welt zu erleben und zu begreifen.
Hüh....?
Mir sind solche Aussagen zutiefst fremd...um es höflich auszudrücken.
Allerdings muss ich zugeben, dass mir der Satz, dass meine Tochter dort nicht gefördert wird, also quasi zurückstecken muss, doch im Gehörgang sitzt...auch wenn ich es nicht glauben mag.
Die Vorstellung, im KiGa diesen Floh im Ohr anzusprechen, ist mir irgendwie zuwider....ich will für mein Kind das Beste, und das ist u.a. optimale Förderung, die aber auch die soziale/emotionale Intelligenz mit einschliesst...
Habt ihr eine Idee ? Oder Erfahrungen ?
Danke....

Violet

>>> Reaktionen lesen und mitdiskutieren

Schweiz: Diskussion um Insieme - Kampagne "Schraube locker" & Co.

Mittwoch, 5. Mai 2010

Wieder eine Provokation, doch die Empörung bleibt aus
Von Markus Brotschi in der BAZ online
Foto: Sulzer, Sutter AG

Insieme zeigt Plakate von geistig Behinderten mit Aussagen wie «Schraube locker». Die IV musste eine ähnliche Kampagne nach heftigen Protesten von Behindertenverbänden abbrechen.

Schweiz: Diskussion um Insieme - Kampagne Schraube locker & Co, Behinderung Handicap, Diskriminierung Rassismus, Down Syndrom, Integration integrativ, Krankheit Gesundheit Medizin, Politik Gesetz Recht, Schweiz,
«Schraube locker? Sprung in der Schüssel? Für mich keine Behinderung»: Mit diesen Sprüchen werden ein Mann und eine Frau mit Downsyndrom präsentiert. Verantwortlich für die Kampagne ist Insieme, eine Organisation für Eltern behinderter Kinder. Vor einem halben Jahr stand auf Plakatwänden Ähnliches: «Behinderte sind dauernd krank» oder «Behinderte liegen uns nur auf der Tasche». Absender war die Invalidenversicherung (IV). Die IV musste ihre Kampagne nach einem Entrüstungssturm der Behindertenorganisationen, darunter auch Insieme, abbrechen.

Wie kommt Insieme dazu, auf ihr 50-jähriges Bestehen mit der gleichen Methode hinzuweisen, die sie kürzlich verurteilte? «Es sind Redewendungen, die jeder von uns kennt», sagt Kommunikationsleiterin Beatrice Zenzünen. Ziel sei es, eine Diskussion über Vorurteile anzuregen. Zenzünen sieht den Unterschied zur IV-Kampagne darin, dass die IV zuerst nur Vorurteile verbreitete und «viel zu lange mit der Auflösung der Urheberschaft zuwartete». Zudem seien die Auflösungen schlecht erkennbar gewesen und keine Betroffenen einbezogen worden.

Das Tabu brach Pro Infirmis

Fragt sich allerdings, ob die IV nicht kritisiert worden wäre, wenn neben den Sprüchen Behinderte abgebildet worden wären. Die Auflösung lieferte die IV aufgrund der Proteste nach wenigen Tagen: «Behinderte liegen uns nur auf der Tasche – wenn wir ihre Fähigkeiten nicht nutzen», «Behinderte sind dauernd krank – und trotzdem morgens die Ersten im Büro». Doch es war zu spät, die Kampagne wurde eingestellt.

Von Kritikern der IV-Plakate erhält die Insieme-Kampagne Lob. Die Abbildung Betroffener schaffe Authentizität und verleihe den Sprüchen Selbstironie, findet Bruno Schmucki vom Invalidenverband Procap. Bei der IV-Kampagne sei die Provokation dagegen im Vordergrund gestanden.

Bis vor wenigen Jahren verwendeten Behindertenverbände nur Symbolbilder oder zeigten höchstens einen Rollstuhlfahrer von hinten. Das Tabu brach 2001 Pro Infirmis, die Menschen mit ihrer Behinderung zeigte, etwa mit einem verstümmelten Bein. Für Mark Zumbühl, Kommunikationschef von Pro Infirmis, kommt es auf den Urheber einer Kampagne an. «Die Insieme-Kampagne kommt von den Betroffenen und von Organisationen, welche die Anliegen von Menschen mit Behinderung verstehen.» Auf den Plakaten sind Schauspieler der Zürcher Theatergruppe Hora zu sehen, die mit geistig Behinderten arbeitet. Die Plakate seien im Einverständnis mit den Betroffenen, den Angehörigen und den Betreuern realisiert worden, betont Insieme.

«Vorurteile werden zementiert»

Für den Zürcher Werber Frank Bodin erreicht die Insieme-Kampagne ihr Ziel trotzdem nicht. «Sie sagt mir nichts Neues und widerlegt das im Spruch ausgedrückte Vorurteil nicht. Damit werden die Vorurteile sogar zementiert.» Bodin hält sowohl die Insieme-Plakate als auch jene der IV für «dumm». Als Beispiel einer gelungenen Kampagne nennt er jene von Pro Infirmis. Mit dem Slogan «Wir lassen uns nicht behindern» seien Menschen mit ihrer körperlichen Behinderung auf würdige Weise gezeigt worden und hätten ein «neues Selbstbewusstsein» demonstriert. Diese Aussage sei für die Betrachter neu und überraschend gewesen. Wer aber Kalauer wie «Schraube locker» brauche und Menschen mit einer Schraube oder einer zersprungenen Schüssel präsentiere, zeige, dass eine grundlegende Kampagnenidee fehle.

>>> ZUR DISKUSSION

Fluch und Segen: Pränataldiagnose

Donnerstag, 18. März 2010

Eine Meinung zum Thema gefunden bei das-schwangerschafts-erlebnis.de

Wie so oft, kommt das Gute mit dem Bösen Hand in Hand. Ist es nicht wunderbar, frühzeitig wissen zu können, ob Sie ein gesundes Kind erwarten?

Ehrlich gesagt bin ich in dieser Hinsicht ziemlich gespalten. Für mich ist das ein bissel wie mit einem Knüppel über den Friedhof zu gehen: Je fester man ihn packt, desto größer die Befürchtung, dass ein Geist erscheint.

Und haben wir nicht alle auch von Fällen gehört, in denen ein behindertes Kind prognostiziert war und ein gesundes geboren wurde?


Wer einmal miterlebt hat, durch welche Hölle eine werdende Mutter geht, bis sie ein “endgültiges Ergebnis” hat, wird sich selbst diese Frage vielleicht anders beantworten, als jemand anderer.

Wiederholen wir noch mal kurz die entscheidende Passage: „Ein Computerprogramm errechnet daraus das persönliche Risiko …” Hier steht Risiko, nicht Tatsache!

Die Pest bei der Pränataldiagnostik liegt im Umstand, definitivere Ergebnisse erst in fortgeschrittenerem Stadium der Schwangerschaft liefern zu können.

Was bei diesen Tests übersehen wird, ist, was sie mit der werdenden Mutter, mit den werdenden Eltern anstellen!

Zum einen bedeutet ein negatives Ergebnis – also kein Befund – keineswegs, dass das Embryo deshalb auch gesund ist. Immer noch kann es eine Fehlgeburt geben, immer noch kann ein behindertes Kind zur Welt kommen. Immer noch kann alles passieren!

Außerdem lassen diese Tests außer Acht, dass gerade durch sie ein stärkeres Bedürfnis in der Bevölkerung entsteht, möglicherweise behinderte Kinder frühzeitig aussieben zu müssen – was umgekehrt gleichbedeutend mit der Idee ist, dass behinderte Menschen weniger wert sind. Nicht dass das jemand offen sagen würde, aber diese Tests implantieren diesen Gedanken automatisch, denn wäre dem nicht so, wozu dann die Tests?

Und doch bin ich gleichzeitig auch der Meinung, Eltern sollten eine Chance haben, sich zu entscheiden, ein möglicherweise schwerstbehindertes Kind zur Welt zu bringen oder eben nicht. Die Belastungen, die auf die jungen Eltern lebenslang zu kommen können, sollte man, wenn es denn möglich ist, wählen können. Sie sehen, ich bin keineswegs klar und im Reinen mit diesen Tests.

Es bekümmert mich, wenn ich sehe, wie es an einer werdenden Mutter nagt, über Wochen hinweg, bis sie ein Ergebnis hat. Und hat sie es schließlich, hat sie ein Untersuchungsergebnis, eine Wahrscheinlichkeit – kein Kind. Es bekümmert mich, wenn ich mir vorstelle, was in einer erst werdenden Familie stattfindet, je nachdem wie dieser Befund ausfällt. Und stellen Sie sich vor, die werdende Mutter hat schon die ersten Bewegungen und Tritte wahrgenommen, hat schon eine Beziehung aufgebaut – und hört jetzt, dass dieses Kind höchstwahrscheinlich eine schwere Behinderung mit in diese Welt bringen wird. Wer will sich diese Belastung vorstellen?

Ich kenne eine alleinerziehende Mutter, die eine Tochter mit Downsyndrom großzieht – für nichts gäbe sie ihre Tochter her. Und doch: wer wollte mit ihr tauschen?

Pränataldiagnose ist eines dieser so merkwürdigen Entwicklungen, bei denen gut und böse Hand in Hand daher kommen und man beidem auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist. Die Schwangere muss eine Entscheidung treffen. Sie muss – sie hat da keine Wahl, denn auch wenn Sie nicht entscheidet, hat sie ja entschieden – und alles lastet auf ihr und auf ihr alleine.

Manchmal fällt es schwer, die Zeit zu genießen …

Krankenkasse bezahlt teure Aminosäurentherapie nicht - aber wenn sie funktioniert, werden sofort die Pflegestufe geändert und die Leistungen gekürzt

Samstag, 13. März 2010


Aminosäurentherapie hilft Alexander
von Suzanne Schattenhofer im Donaukurier
Foto: Herbert


Ingolstadt (DK) Das Schicksal des schwerbehinderten Alexander Eckardt hat viele Menschen berührt. Nach dem Spendenaufruf bei der Vorweihnacht der guten Herzen kamen gut 13 000 Euro zusammen – genug Geld, um die Aminosäurentherapie über den notwendigen Zeitraum von drei Jahren zu finanzieren.

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Die Hilfsbereitschaft und Spendenfreudigkeit der Menschen hat Alexanders Mutter tief berührt. Mit dem Geld ist die Behandlung über die gesamte Dauer der Therapie gesichert. Es besteht berechtigte Hoffnung, dass sich der Zustand des schwer behinderten achtjährigen Buben danach dauerhaft bessert, dass er laufen und sprechen lernt.
Die Krämpfe und autoaggressiven Anfälle, bei denen sich Alexander selber an den Kopf haut, verschwanden dank der Aminosäurentherapie schon nach kürzester Zeit. Ein Ingolstädter Arzt bescheinigte ebenfalls die Wirksamkeit der Behandlung und belegte das mit EEG-Befunden.

Dennoch hat es die Krankenkasse abgelehnt, die Kosten zu übernehmen. Man berief sich auf die Entscheidung des gemeinsamen Bundesausschusses, der über alle Kassenleistungen entscheidet. Teure Neuroleptika hingegen, die zwar die Symptome lindern, nicht aber die Ursachen bekämpfen und außerdem starke Nebenwirkungen haben, hätte die Kasse bezahlt.

Doch die Eckhardts konnten die rund 10 000 Euro auch nicht aus eigener Tasche aufbringen. Vater Dimitri hat nur ein befristetes Arbeitsverhältnis, zudem ist der Betrieb in Kurzarbeit. In ihrer Verzweiflung wandte sich die Mutter an die Beratungsstelle offene Hilfen im Hollerhaus, und Bereichsleiterin Anja Hanke kam auf die Idee mit der Vorweihnachten der guten Herzen, eine Aktion des DONAUKURIER.

Anfang Dezember erschien der Zeitungsartikel, und gleich nachdem die ersten Spendengelder eintrafen, wurde die Therapie wieder begonnen. "Jeder Kurs dauert drei Monate und kostet rund 1200 Euro. Weil dazwischen pausiert wird, sind es pro Jahr drei Kurse", erklärt Lilia Eckardt. Die medizinische Betreuung und Begleitung läuft über das Konsultationszentrum der Aminosäurentherapie in Prag. Das empfiehlt Aminosäuren-Präparate auch bei zerebraler Kinderlähmung, Entwicklungsverzögerungen, Downsyndrom, Autismus, Epilepsie, multipler Sklerose, Parkinsonscher Krankheit oder altersbedingter Demenz. Weitere Informationen dazu unter www.aminocure.de.

Lilia Eckardt ist von der Therapie überzeugt, die ihr eine andere Mutter empfohlen hatte. "Deren Tochter wurde erfolgreich behandelt, und es gab keine Nebenwirkungen. Wir hoffen jetzt, dass auch Alexander Gas gibt. Manchmal, wenn ich mit ihm spreche, formt er schon mit den Lippen Laute."

Ungerecht findet es die Mutter, dass die Kasse die Therapie zwar nicht bezahlt – wenn sich aber Alexanders Zustand bessert, werden sofort die Pflegestufe geändert und die Leistungen gekürzt.

Gesetz und Realität: Ein Platz für Paula Sander - Behinderte Kinder auf Schulsuche (Reportage Samstag, 13. März 2010, WDR, tag7)

Mittwoch, 10. März 2010


gefunden beim WDR / Wissen

Eltern, die Kinder mit einer Behinderung haben, müssen kämpfen - nicht mit, sondern oft gegen Gutachter, Sonderpädagogen, Behörden und Lehrer. Im deutschen Schulsystem ist die Aufnahme von Kindern mit Behinderung in eine Regelschule immer noch die Ausnahme, obwohl auch Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention unterzeichnet hat.

"Wir haben an unserer Schule schon genug Probleme. Eine Schülerin mit einem Down-Syndrom wäre da eine zu große Zumutung", sagte eine Schuldirektorin den Eltern von Paula Sander. Das war nicht die einzige Absage.

Nach der UN-Behindertenrechtskonvention darf eine Behinderung kein Grund sein, einen Menschen auszuschließen. An der Umsetzung arbeitet der deutsche Gesetzgeber noch. So besuchen in NRW nur 16 Prozent aller behinderten Kinder und Jugendlichen eine integrative Schule. 106.950 Schüler sind mit ihrer Behinderung auf so genannten "Förderschulen", wo sie nach Handicaps sortiert unter sich bleiben.

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Tina Sander, die Mutter der kleinen Paula, will ihre Tochter deshalb nicht auf eine Sonderschule schicken: "Wie soll sie denn dort lernen, mit dem wirklichen Problemen des alltäglichen Lebens umzugehen?" Genauso denkt Laura Duarte. Gemeinsam mit ihrem Mann kämpft auch sie dafür, dass ihr Sohn Ernesto, der ebenfalls das Down-Syndrom hat, eine Regelschule besuchen kann: "Nur an einer normalen Schule im Kontakt zu Kindern ohne Behinderung kann mein Sohn lernen, sich in dieser Gesellschaft zurechtzufinden."

"tag7" hat beide Familien ein Jahr lang bei ihrer Suche nach einem "integrativen" Schulplatz begleitet. Ein Jahr, in dem die Eltern mit dem Gedanken an die Einschulung ihres Kindes abends ins Bett gehen und morgens wieder aufstehen. Und eines Tages stehen sich Paula und Ernesto sogar als Konkurrenten gegenüber - um einen der wenigen Plätze in einer integrativen Schule in NRW.

Reportage mit: Cornelia Uebel, Yüksel Ugurlu

Behinderte Kinder in Schulklassen - Die Diskussion in der Schweiz mit Video der Rundschau SF1 24. Februar 2010

Donnerstag, 25. Februar 2010


Foto, Video und Text © Schweizer Fernsehen
Gefunden vía Peter Lilienhard

Behinderte Kinder in Schulklassen - Die Diskussion in der Schweiz mit Video der Rundschau SF1 24. Februar 2010, Arbeit Beruf Schule Ausbildung, Behinderung Handicap, Diskriminierung Rassismus, Down Syndrom, Down-Syndrome, Extrachromosom, Kind, Integration integrativ, Politik Gesetz Recht, Schweiz,Behinderte, lernschwache und verhaltensauffällige Kinder sollen nicht mehr Sonderschulen besuchen, sondern in normale Klassen integriert werden. Die Reform sorgt für rote Köpfe bei Eltern, Lehrer und Heilpädagogen. Wie funktioniert sie in der Praxis? Die Rundschau hat Daniela, die ein Downsyndrom hat, und die beinahe blinde Nastasja in der Schule begleitet.


Video Stream der Sendung - der Beitrag beginnt in Minute 9:


Rundschau vom 24.02.2010


Auszüge aus der Diskussion zum Beitrag:

° Bin selber Mutter eines, mittlerweile
30-jährigen Sohnes mit Down Syndrom und
möchte allen Eltern mit gleichem Schicksal viel Mut und Zuversicht wünschen.
Unser behinderter Sohn ist uns als drittes Kind geschenkt worden und dieses Schicksal hat besonders mir als Mutter völlig den Boden unter den Füssen weggezogen. Mein Wunsch war natürlich eine "normale Einschulung" für unser Kind. Es wurde damals auch freundlicherweise auf mein Drängen eingegangen und schon bald mussten mein Mann und ich feststelle, dass der Bub total überfordert war. Er hat sich ganz schnell zum Klassenclown gemacht und das tat uns weh. Aus dieser Erfahrung lernten wir, dass eine heilpädagogische Institution viel mehr brachte. 11 Jahre verbrachte unser Sohn in diesem Internat und heute kommen wir zu dem Schluss, dass es die richtige Entscheidung war. Selbständigkeit, Zuverlässigkeit sind nebst einem tollen Charakter sein Markenzeichen. Ein richtiger Segen für unsere ganze Familie.




° Ich bin erstaunt über die vielen gut gemeinten und bisher auch vorgelebten Erfahrungsmethoden in und um Schulen. Pädagogen macht weiter so. Traurig ist jedoch die Tatsache, dass die einzige Motivation der politischen Entscheidungsträger zu Veränderungen im System das Geld ist. Die Klimaerwärmung ist im Anzug. Die Gelderwärmung ist schon da.


Anzeige: Handbuch für Lehrer von Kindern mit Down-Syndrom


° Integration ist wichtig!!Wir alle leben in einem Land und müssen lernen uns gegenseitig zu akzeptieren. Auch wenn wir alle nicht gleich denken und nicht gleiche Voraussetzungen haben unser Leben zu leben. Die Integration behinderter Menschen in der Volksschule auf zunehmen ist eine wichtige und notwendige Sache... dadurch lernen die "gesunden" Kinder und Jugendlichen diese Menschen, die sich wohl fühlen in dieser Umgebung zu akzeptieren.

Meine Schwester ist auch behindert und konnte auch gewisse Unterrichte besuchen in der Volksschule.

Es ist aber auch klar das nicht jede Klassenstufe dies machen kann.

Mein Vorschlag wäre:

Kindergarten, 1.Klasse und 2.Klasse gesamt schweizerisch so zu gestalten dass es Platz hat für Behinderte die in der gleichen Wahrnehmungsphase sind wie die Kinder in dieser Klasse.
Ziel ist, dass sich die Kinder bewusst werden auch andere Kinder zu akzeptieren und zu integrieren.




° manchmal ist es wirklich besser, man bleibt bei seinen leisten und tut was man kann.
neues könnte sonst viel schlechter werden, als es sein könnte wenn man es gern haben würde.

Es ist einfach: wir können sie nicht wegsperren. sie sind alltag.



Als man in den 70-ern die Ausbildung zum Lehramt machte, wurde im Methodikunterricht gelehrt, dass die Volksschule kein Experimentierfeld sein dürfe.
Das geht heute ganz andere Wege; alles und jedes, was sich irgendein Bildungspolitiker oder der ganze administrative Stab der Erziehungsdepartemente ausdenkt, wird in den Schulalltag geworfen..dort sollen dann die unausgegorenen Ideen ausreifen. Nichts und niemand aus der strategischen Ebene ist je bereit die Reformen vor Ort auf ihren wirklichen Erfolg hin zu überprüfen; ich habe seit meiner 30-jährigen Tätigkeit im Schuldienst (Primarschule, Oberstufe und Gymnasium) noch nie ein wissenschaftliches Mitarbeiterchen in einem Schulzimmer gesehen, das sich erkundigt hätte, ob irgendeines seiner Ideechen überhaupt Sinn machen täte und realisierbar sei, so wie es sich das ausgeheckt hätte....(Kommt hinzu, dass keiner von diesen Erziehungsplanern, es länger als ein Tag in einem Schulzimmer aushalten würde; sie tun also gut daran, überhaupt nicht erst vor Ort zu erscheinen).

Weil alles so unausgegoren und weltfremd in die Schulstuben gelangt, heisst es dann irgendmal für jene, die sich mit den Reformen herumschlagen müssen: "Vorwärts Kameraden, es geht zurück!"

Allmählich gehen den Betroffenen (Lehrpersonen)die Augen auf und sie stellen fest, dass die Reformbesoffenheit in der Erziehungslandschaft nicht ein singuläres, zeitbegrenztes Suchtereignis war, sondern zum chronischen- und krankmachenden Dauerzustand verkommt.
Ich frage mich, ob diese Vorgehensweisen der Bildungspolitiker nicht schon fast kriminellen Charakter haben, weil sie verfassungswidrig sind. Die politisch abgesegneten Leerläufe in der Bildungslandschaft verstossen meines Erachtens gegen die "verfassungsmässige Verhältnismässigkeit".

Im konkreten Zürcher Reformprojekt, "integrieren von Behinderten" -nichts gegen diese hehernen Ziele- treibt dies in den zürichnahen Kantonen ganz besondere Blüten; im Nachäffen von Reformen geübt, versucht man nun auch renitente und verhaltensauffällige Schüler in Regelklassen umzuteilen. Mitgegeben wird diesen Klassen dann ein heilpädagogischer Copilot, der es dann richten soll. Dass da was "krank" ist im Volksschulsystem, verraten die Reformplaner dieses Projekts schon deshalb, da sie einen HEILpädagogen beiseite stellen. Denn heilen muss man ja nur, wo was krank ist oder krank gemacht wir.
Wäre die Volksschule ein Automobilbetrieb, wäre diese aus folgenden Gründen schon längst konkurs:
a) einer zu grossen Modellpalette
b) einer Unzahl an "Rückrufaktionen"

Es grüsst: Ein Auch-Akademiker, der bei seinem Leisten blieb


>>> Weiterlesen

Interview mit dem neuen Behindertenbeauftragten der Bundesregierung Hubert Hüppe

Dienstag, 16. Februar 2010

Geführt von Robin Alexander für Die Welt


DIE WELT: Schon das Sprechen über Behinderte scheint kompliziert. Die Bundesregierung spricht offiziell nicht mehr von "Behinderten", sondern von "Menschen mit Behinderungen". In den USA ist der Begriff "handicaped" (behindert) durch "challenged" (herausgefordert) ersetzt worden. Wie weit soll das noch gehen?

Hubert Hüppe: Ich sage Menschen mit Behinderung oder behinderte Menschen. Übel ist es, wenn Menschen nur über ihre Behinderung definiert werden. Dies merkt man aber mehr am Verhalten als an den Worten. Einige Dinge würde ich allerdings nie sagenMenschen leiden nicht am Down-Syndrom, sie haben Down-Syndrom, denn sie haben ein Chromosom mehr und leiden, wenn überhaupt, an den Reaktionen der anderen. Das sage ich Ihnen als Schwerstmehrfachnormaler.

DIE WELT: Schwerstmehrfachnormaler?

Hüppe: Ein Scherz, den Behinderte gerne über Nichtbehinderte machen, weil er unser einseitiges Konzept von Normalität auf die Schippe nimmt.

DIE WELT: Ist nur die sprachliche Sensibilität der Gesellschaft gewachsen?

Hüppe: Nein. Es hat sich in den vergangenen Jahren viel zum Guten gewandelt. Menschen mit Behinderung sind nicht mehr Betreute und Versorgte, sondern sie sind zu Bürgern geworden, die Dienstleistungen abrufen. Das alte Denken, behinderte Menschen in Sondereinrichtungen, Sonderschulen und Sonderwelten abzuschieben, ist auf dem Rückzug. Hätten wir mehr Menschen, denen der Umgang mit behinderten Menschen von Kindesbeinen an vertraut ist, dann hätten auch weniger ein Problem damit, an ihrem Arbeitsplatz einen behinderten Kollegen zu haben.

DIE WELT: Was wollen Sie in Ihrem Amt erreichen?

Hüppe: Das kluge Prinzip, dass Menschen, die von Entscheidungen betroffen sind, an diesen Entscheidungen beteiligt werden, soll auch für behinderte Menschen gelten. Zur Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung werden wir bald einen Beirat einsetzen. Darin sollen Betroffene die Mehrheit haben - wir
brauchen auch die anderen gesellschaftlichen Gruppen wie Kirchen, Gewerkschaften und Verbände -, aber die Mehrheit sollen die haben, um die es geht. Denn es gilt immer noch der Grundsatz"Nichts über uns - ohne uns."

DIE WELT: Tut Deutschland genug für seine Bürger mit Behinderungen?

Hüppe: An Gesetzen mangelt es oft nicht. In Deutschland haben Menschen mit Behinderung relativ viele Ansprüche. Aber einen Anspruch haben und ihn einlösen zu können, sind zwei grundverschiedene Dinge. Betroffene werden heute oft von Behörde zu Behörde geschickt. Manchmal wird geradezu spekuliert, dass sie irgendwann aufgeben. Wir brauchen also eine zentrale Stelle, an die sich behinderte Bürger wenden können. Das Gesetz schreibt diese eigentlich schon vor, aber in der Realität werden sie oft irgendwo an einem Leistungsträger angedockt und erschrecken regelrecht, wenn sie im Alltag entdeckt werden.

DIE WELT: Sind Ihre Ziele in der Behindertenpolitik auch die Ziele der schwarz-gelben Regierung?

Hüppe: Die Umsetzung der UN-Konvention steht im Koalitionsvertrag. Aber ich bin nicht Mitglied der Bundesregierung, sondern vertrete die Belange behinderter Menschen innerhalb der Bundesregierung. Notfalls werde ich auch meine Stimme erheben, wenn Politik gegen Menschen mit Behinderung gemacht wird.

DIE WELT: Wo wird denn Politik gegen Behinderte gemacht?

Hüppe: Manchmal gar nicht absichtlich. Die Belange von behinderten Menschen werden gerne vergessen. Deshalb werde ich alle Ministerien daran erinnern, dass Gesetze überprüft werden müssen, ob sie für Menschen mit Behinderungen relevant sind. Auch ich übersehe vielesSo hatten mich die Gehörlosen darauf aufmerksam gemacht, dass mit dem damals neuen Telekommunikationsgesetz ihr Anspruch auf spezielle Telefone verloren zu gehen drohte. Darauf wäre ich alleine auch nicht gekommen.

DIE WELT: Es gibt einen großen Streit in der Behindertenpolitik über die Abschaffung der Sonderschulen.

Hüppe: Dieser Streit ist entschiedenDeutschland hat eine UN-Konvention unterzeichnet, die zwingend vorschreibt, dass behinderte Kinder auf dieselben Schulen gehen dürfen wie nicht behinderte Kinder und wir unser Schulsystem umbauen müssen. Es geht also nicht mehr um das Ob, sondern nur um das Wie.

DIE WELT: Und um das Wann. Eltern klagen, die Bundesländer verschleppten die Umsetzung der Konvention bewusst.

Hüppe: Ich erwarte von allen Ländern, dass sie noch in diesem Jahr Maßnahmen ergreifen, um behinderten Kindern den Besuch der Regelschule zu ermöglichen, wie es die UN-Konvention vorschreibt.

DIE WELT: Schwarz-Gelb geführte Länder tun sich dabei bisher nicht gerade hervor.

Hüppe: Das ist leider wahr. Unsere Leute haben Angst um das dreigliedrige Schulsystem, das durch die Sonderschulen ja eigentlich ein viergliedriges ist. Aber es ist doch unfair, gegen die Einheitsschule zu kämpfen und dann sowohl Körperbehinderte als auch Mehrfachschwerstbehinderte in dieselbe Schule gehen zu lassen. Gymnasiasten ist ein blinder Mitschüler nicht zuzumuten, aber ein Rollstuhlfahrer besucht selbstverständlich mit einem Schwerstmehrfachbehinderten die Förderschule. Auch ich war lange ein überzeugter Vertreter des getrennten Schulsystems, aber ich habe irgendwann verstanden, dass gemeinsames Lernen nicht Gleichmacherei bedeuten muss, sondern im Gegenteil zur Differenzierung führen kann und so die Leistungsfähigkeit aller Schüler steigert. Das setzt natürlich auch entsprechende Rahmenbedingungen voraus. 30 Schüler und eine Lehrkraft, das geht nicht.

DIE WELT: Heute besuchen Behinderte nicht nur besondere Schulen, sondern arbeiten oft auch in besonderen Betrieben, wie Behindertenwerkstätten.

Hüppe: Gerade in mittelständischen Unternehmen und Familienbetrieben sind behinderte Arbeitnehmer oft sehr geschätzte Mitarbeiter. Anders sieht es leider bei den Konzernen ausDie Großbetriebe waren schon einmal weiter. Als Kind musste ich immer auf meinem Schulweg über ein Stahlwerk gehen. Die Pförtner waren Kriegsgeschädigte. Damals wollte das Unternehmen gleich am Eingang seine soziale Verantwortung zeigen. Heute rücken sie aus Imagegründen die Jungen, vermeintlich Leistungsfähigen und Gutaussehenden nach vorn. Aber es gibt auch gute Beispiele, etwa in der Autoindustrie. Hier sind mehr Menschen mit Behinderungen beschäftigt als die fünf Prozent, die das Gesetz vorschreibt.

DIE WELT: Ein Vorbehalt gegen Sie lautetSie würden die Behindertenpolitik nutzen, um eine biopolitische Debatte zu führen.

Hüppe: Ich kenne diesen Vorbehalt, und ich nehme ihn ernst. Dass von der Linkspartei bis zur FDP aber positiv auf meine Ernennung reagiert wurde, zeigt doch, dass mir auch Menschen vertrauen, die meine bioethischen Positionen nicht teilen.

DIE WELT: Sie sind für ein ausnahmsloses Verbot der embryonalen Stammzellenforschung, lehnen eine gesetzliche Regelung der Patientenverfügung ebenso ab wie Präimplantationsdiagnostik. Nur noch eine Minderheit in der Gesellschaft denkt so wie Sie.

Hüppe: Wenn wir vor 20 Jahren die Menschen gefragt hätten, sollen wir menschliche Embryonen klonen, um sie für Forschungszwecke zu töten, hätte die Mehrheit entsetzt geantwortet"Nein. Das ist Frankenstein. Das darf es nicht geben." Aber dann setzte ein typischer Prozess einWir stellen einen Zweck über die Menschenwürde. Für ein angeblich höheres Ziel werden nach und nach alle Bedenken ausgeräumt. Den Menschen ist vorgemacht worden, alle Krankheiten dieser Welt könnten durch Forschung an embryonalen Stammzellen heilbar werden. Wir haben damals scherzhaft gefragt, ob nicht vielleicht auch die Klimakatastrophe mit embryonalen Stammzellen abgewendet werden kann, da sie ja auch sonst für alles herhalten müssen!

DIE WELT: Die Hoffnung der Menschen wird ausgebeutet?

Hüppe: Ja! Bis heute können wir durch Forschung an embryonalen Stammzellen gar nichts heilen. Die Bevölkerung ist bei solchen Heilsversprechen übrigens durchaus skeptischer als die Politiker. Bei der letzten Umfrage war eine Mehrheit gegen eine völlige Freigabe der Forschung an Embryonen. Bisher gab es auch im Bundestag noch keine Mehrheit dafür. Und ich hoffe sehr, dass dies auch unter einer christlich geführten Bundesregierung so bleibt.

DIE WELT: Die Kanzlerin hat auffallend lange gezögert, bevor sie einen neuen Behindertenbeauftragten nominierte. Hatte auch Angela Merkel Vorbehalte gegen Sie?

Hüppe: Diese Legende möchte ich gerne aus der Welt schaffen. Die Verzögerung resultierte einfach daraus, dass zum ersten Mal ein Nichtabgeordneter das Amt bekam. Es wurde erst geprüft, ob dafür eine Gesetzesänderung notwendig ist.

DIE WELT: Es war geplant, Sie hauptamtlich anzustellen, Sie aber wollten lieber ein Ehrenamt. Warum?

Hüppe: Ich hatte keine Lust, wie ein Behördenleiter die Korrektheit der Telefonabrechnungen meiner Mitarbeiter zu kontrollieren. Außerdem habe ich jetzt eine höhere politische Unabhängigkeit. Das kann ja auch noch einmal nützlich sein.

Neu Ulm: Geändertes Schwangerschaftskonfliktgesetz ernst genommen

Freitag, 12. Februar 2010

Schwere Entscheidung: Leben oder Leben loslassen

© Augsburger Allgemeine


Fünfter Monat, Diagnose Down-Syndrom. Für werdende Eltern bricht in so einem Fall eine Welt zusammen - und umgehend stellt sich die Frage: Mit einem behinderten Kind leben? Oder die Schwangerschaft zu so einem späten Zeitpunkt abbrechen? Wobei Letzteres mit einer herkömmlichen Abtreibung nichts mehr zu tun habe, sagt Marion
Steinemann von der Beratungsstelle für Schwangerschaftsfragen Donum Vitae in Neu-Ulm. „Die Frau bekommt wehenfördernde Mittel, es gibt eine Geburt - und anschließend müssen die Eltern Abschied nehmen und trauern.“



Eine Entscheidung also, die - wie auch immer sie ausfällt - Mütter und Väter emotional sehr belastet. Das geänderte Schwangerschaftskonfliktgesetz, das zum 1. Januar in Kraft getreten ist, will dem Rechnung tragen: Ärzte müssen eine Patientin, die einen Schwangerschaftsabbruch erwägt, nicht nur eingehend über die medizinischen und psychosozialen Aspekte aufklären. Sie müssen die werdende Mutter zudem darauf hinweisen, dass sie eine vertiefte psychosoziale Beratung in einer hierfür qualifizierten Beratungsstelle in Anspruch nehmen kann. In Neu-Ulm und Ulm gibt es neben Donum Vitae noch vier weitere Stellen, die hierfür in Frage kommen - und ihre neue Aufgabe sehr ernst nehmen.


„Bisher wussten viele Frauen nicht, dass es uns gibt“, bedauert Margarita Straub von der Beratungsstelle für Schwangerschaftsfragen in Ulm. Das werde sich durch den neuen Passus im Gesetz hoffentlich ändern. „Außerdem soll die Verzahnung zwischen ärztlicher und psychosozialer Beratung besser werden“, so Straub.

Denn häufig gehe es bei einem „Schwangerschaftskonflikt“ nicht nur um medizinische Fragen: „Wir sprechen mit den Paaren auch über ethische Fragen oder die Beziehung an sich“, sagt Marion Steinemann. Problematisch sei die Situation etwa, wenn der Mann sich keinesfalls ein Leben mit einem behinderten Kind vorstellen kann, die Frau hingegen keinen Abbruch möchte. Oder wenn der werdende Vater mit möglichst vielen pränataldiagnostischen Untersuchungen auf Nummer sicher gehen will, die Frau aber Angst hat, infolge einer Fruchtwasseruntersuchung eine Fehlgeburt zu erleiden. „Das kann eine ganz schöne Krise auslösen.“


Die Mitarbeiterinnen der Beratungsstellen stehen in solchen Krisen mit Rat und Tat zur Seite - und das weit über die Schwangerschaft oder den Abbruch hinaus: „Oft geht das bis zum dritten Lebensjahr des Kindes - oder bis die Frau wieder schwanger ist“, sagt Steinemann. Noch könne der Beratungsbedarf in der Doppelstadt gedeckt werden. „Aber natürlich ist es spannend, wie viele jetzt durch das neue Gesetz kommen werden.“

Vorbereitet sei man auf das Thema jedenfalls.