Da rein ---> da raus: Ohrenkuss .... ein neuer, feiner Bericht zur Zeitschrift und zur aktuellen Ausgabe "Unsichtbar"

Dienstag, 23. März 2010

von Claus-Dieter Stille in der Reader's Edition
Foto: Autor Michael Häger demonstriert den Ohrenkuss, Copyright: Ohrenkuss

Da rein da raus: Ohrenkuss .... ein neuer, feiner Bericht zur Zeitschrift, Arbeit Beruf Schule Ausbildung, Behinderung Handicap, Buch Literatur, deutsch, Deutschland, Down Syndrom, Down-Syndrome, Extrachromosom, Geschichten Stories, Trisomie 21, aktuellen Ausgabe UnsichtbarZu meiner Kindheit sagte man noch unbedacht Neger zu farbigen Menschen. Jedenfalls dann, wenn wir dieses Wort von unseren Eltern zuvor gehört und damit verinnerlicht hatten. Zumindest traf dieses Nicht-Bedenken wohl in der Regel auf uns Kinder zu. Als die wir den - bei farbigen Mitmenschen (die zu dieser Zeit im Stadtbild zumeist nur in Gestalt von afrikanischen Studenten vorkamen), wie wir erst später lernten, freilich zu recht negativ besetzten Begriff - ja für völlig normal hielten. Die Dinge aber bleiben nicht so wie sind sind…

Die sind krank. Punkt

Ähnlich unbedacht übernahmen wir später, schon in der frühen Schulzeit, in Bezug auf ab und an im Straßenbild augenscheinlich - im Gegensatz zu uns - eindeutig anders aussehenden Menschen, andere Bezeichnungen, die heute - dem gesellschaftlich errungenen Fortschritt sei es gedankt - ebenfalls längst aus unserem Vokabular gestrichen sind. Wenn wir zu jener Zeit, wohl etwas verwirrt angesichts dieser andersartig wirkenden, uns zuweilen, meist in der Gruppe begegnenden Menschen, Erwachsene über diese befragten, erhielten wir unterschiedliche Antworten. Manche der Erwachsenen sagten uns, es handele sich um mongoloide Menschen. Und Mongolismus sei eben eine Krankheit. Punkt. Oder einfach: Die sind krank. Andere hielten diese Menschen schlicht für bekloppt. Was uns verstörte. Näher nachzufragen, getrauten wir uns nicht. Den meisten Erwachsenen wäre das wohl auch unangenehm gewesen. Das war zu spüren.

Andere Kinder ließen sich sogar dazu verleiten, die Mongoloiden zu verspotten. Man sagt: Kinder können grausam sein. Und es stimmt. Mongoloid bedeutete nichts weiter als dem Mongolen ähnlich. Später, so erinnere ich, hörte ich betreffs dieser Krankheit auch noch die Bezeichnung trisomaler Schwachsinn.

Das Down-Syndrom

Unterschiedliche Begriffe für ein und dieselbe Krankheit, die mehr oder weniger einmal entweder hier oder dort gang und gäbe waren. Inzwischen gehören sie der Vergangenheit an. Nicht nur aus Rücksichtnahme auf das Volk der Mongolen. Man spricht heute betreffs dieser genetisch bedingten Entwicklungshemmungen und Veränderungen des Erscheinungsbildes eines Menschen vom Down-Syndrom. Benannt nach dem britischen Arzt J. L. H. Down. Menschen mit Down-Syndrom haben 47 Chromosomen, eines mehr als die anderen. Bei ihnen ist das 21. Chromosom dreimal vorhanden. Weshalb man auch von einer Trisomie 21 spricht.

Katja de Braganca kam in Madrid die Idee zum Projekt OHRENKUSS

Im Allgemeinen gingen zunächst auch Experten davon aus, dass Kinder mit Down-Syndrom nicht lesen, geschweige denn schreiben können. Vorkommende, scheinbare Gegenbeweise wurden auch von Humangenetikern in der Regel so erklärt: Die Betreffenden hätten die Texte wahrscheinlich irgendwo abgeschrieben. Umso mehr staunte die Humangenetikerin Katja de Braganca, die 1987 auf einer Tagung in Madrid einem interessanten Vortrag mit dem Thema “Lesen und Schreiben - Lernen bei Kindern mit Down-Syndrom” lauscht: Plötzlich bleibt ihr Blick auf einer Overhead-Projektion haften. Darauf zu lesen ist die Geschichte von Robin Hood, geschrieben von einem Jungen mit Down-Syndrom. Katja de Braganca ist damals spontan begeistert. Hauptsächlich von dem witzigen Schreibstil des Autors. Auf der Stelle erinnert sie sich an die Zeit ihrer Diplom- und Doktorarbeit am Bonner Institut für Humangenetik, in der sie viele Menschen mit Down-Syndrom kennengelernt hatte. Unter ihnen befanden sich viele Jugendliche. Und es war durchaus vorgekommen, dass bei Gesprächen mit denen plötzlich jemand äußerst stolz etwas Geschriebene präsentierte. Katja de Braganca verband beide Erlebnisse. Eine Idee begann Gestalt anzunehmen: Eine Zeitschrift, gemacht von Menschen mit Down-Syndrom. Die Idee wurde in die Tat umgesetzt. Die Zeitschrift erhielt den Namen OHRENKUSS. Er ist leicht erklärt. Auf dem oben stehenden Photo zeigt Ohrenkuss-Autor Michael Häger, was mit “Ohrenkuss…da rein, da raus” gemeint ist: Mit dem Zeigefinger der linken Hand zum linken Ohr hin. Und mit dem Daumen der rechten Hand vom rechten Ohr weg zeigen:

Da rein, da raus. Was das bedeutet? Vieles geht in den Kopf hinein. Das meiste geht aber auch wieder hinaus. Nur das Wichtigste bleibt drin. Und dies ist ein OHRENKUSS.


OHRENKUSS fand inzwischen viele Unterstützerinnen und Unterstützer
Vor Jahren sorgte Alfred Biolek , der Katja de Braganca in seine Talkshow eingeladen hatte dafür dass das Projekt OHRENKUSS einem breiteren Publikum bekannt wurde. Nicht zuletzt dadurch gewann OHRENKUSS zahlreiche Förderer und hat inzwischen viele Unterstützerinnen und Unterstützer landauf landab. Und den Autoren und der Redaktion von OHRENKUSS macht die Arbeit jedesmal wieder aufs Neue Spass. Der Erfolg gibt dem Projekt recht und macht unablässig Lust, die Arbeit weiter fortzusetzen. Die Volkswagen-Stiftung föderte das Magazin. Das Projekt wurde prämiert. Es erhielt u. a. eine Auszeichnung im Wettbewerb “Demokratie leben”, seitens des damaligen Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse.

Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar
Soeben ist die neueste Ausgabe von OHRENKUSS ausgeliefert worden. Der Titel: UNSICHTBAR. Auf dem Cover ein Ultraschall-Bild von Matteo Zandegiacomo. Er ist auf dieser Aufnahme nur ein paar Wochen alt und ungeboren. Auf Seite 3 ist er fast zwei Jahre. “…hat 47 Chromosomen”, heißt es im neuen OHRENKUSS, “und wird hoffentlich irgendwann beim Ohrenkuss mitschreiben.” Weiter kann man dort lesen: “Menschen mit Down-Syndrom sind immer erkennbar (das nervt sie manchmal) - weil die Auswirkungen des dritten Chromosoms 21 sichtbar sind. Man erkennt sie und meint sie zu kennen - vor der Geburt und auch im Leben. Schon Antoine de Saint-Exupéry (der Autor von DER KLEINE PRINZ; C.-D. Stille) wusste es besser: ihm war klar, dass das Wesentliche für die Augen unsichtbar ist.”

Scheinbar Gewohntes mit anderen Augen neu erblicken

Den OHRENKUSS zu lesen ist jedesmal wieder ein außergewöhnliches Erlebnis. Die in dem Magazin versammelten Texte kleiden eine auf den ersten Blick ungewohnte Autoren-Sicht auf die Welt und die Dinge des Lebens in oft tief berührende Worte, welche einem als Leser so sicherlich noch nie gekommen sind und uns deshalb in die Lage versetzen können, manches - scheinbar Gewohntes - mit ganz anderen Augen völlig neu zu erblicken.

Die OHRENKUSS-Autoren schreiben ihre Texte selbst auf dem Papier oder am Computer oder diktieren sie. Auf die Schreibweise wird kein Einfluss genommen. Die Texte werden somit auch nicht verbessert. Sie erscheinen dann im Heft genauso wie sie von den Autoren erdacht und geschrieben wurden. Gerade dies verleiht den Texten einen ganz besonders außergewöhnlichen Charakter und hinerläßt bei den Rezipienten des Magazins einen nachhaltigen, wie gleichermaßen nachdenklich stimmenden Eindruck.

In diesen Zustand kann sich jede(r) versetzen und dabei gleichzeitig auch noch ein tolles Projekt unterstützen. OHRENKUSS kann abonniert werden. Das Abonnement des halbjährlich erscheindende Magazins, von Anfang bis Ende gemacht von Menschen mit Down-Syndrom, kostet 19,60 Euro pro Jahr (zzgl. 2 Euro für Porto und Versand). Hier ein Einblick in das aktuelle Heft “Unsichtbar”.

Warum mir am Anfang dieses Textes eingefallen ist, dass wir als Kinder nichts dabei fanden, farbige Mitmenschen Neger zu nennen? Ganz einfach: Weil Dinge sich ändern und Menschen zu neuen Erkenntnissen kommen können…

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