Tempo ist gut, Vertrauen schöner

Mittwoch, 24. März 2010

Von Johannes Kloth in der saarbruecker-zeitung

Am Anfang war ich Steffi. Über ein halbes Jahr hat es gedauert, bis Özkan mich das erste Mal mit meinem richtigen Namen ansprach. Als ich ihn kennenlernte, war Özkan 14 Jahre alt. Ich leistete meinen Zivildienst in einer Schule für geistig behinderte Kinder, betreute Özkan und elf weitere Schüler einer Klasse. Ein Jahr. Tag für Tag.

Neben dem Down-Syndrom war es seine türkische Herkunft, die Özkan in Deutschland den Spracherwerb zusätzlich erschwerte. Dass er so lange Zeit den Namen einer langjährigen Schul-Praktikantin rief, wenn er mich sah, hatte jedoch einen anderen Grund. Die Beziehung zu geistig behinderten Kindern hat sehr viel mit Vertrauen zu tun. Und Vertrauen braucht Zeit.

Das habe ich in meinem Jahr Zivildienst gelernt. Einem Jahr, das zu den schönsten Erfahrungen meines Lebens gehört. Selten habe ich mich so ausgeglichen gefühlt wie in der Zeit, die ich mit diesen Kindern verbrachte. Als er mich schließlich in sein Herz geschlossen hatte, war Özkan nicht mehr zu bremsen. Er erzählte mir Geschichten aus seinem Türkei-Urlaub, brachte seine Lieblingscomics mit in die Schule, forderte mich zum „Armdrücken“ heraus.

Özkan und ich standen im Zoo stundenlang vor dem Gehege der Esel, seinen Lieblingstieren. Ich brachte ihm Fußballspielen bei. Und er mir – so pathetisch es klingen mag –, dass es Wichtigeres im Leben gibt, als die eigene Karriere zu planen. Noch immer besuche ich Özkan regelmäßig in der Werkstatt, in der er mittlerweile arbeitet.

Ab kommenden Oktober, so will es Bundesverteidigungsminister zu Guttenberg, soll der Wehrdienst – und damit auch der Zivildienst – nur noch sechs Monate dauern. Das würde eine weitere Reduzierung des ohnehin nur noch neun von einst 20 Monate umfassenden „Ersatzdienstes“ bedeuten. Gestern habe ich mir die Frage gestellt: Was wäre gewesen, hätte die Politik die Straffung des Zivildienstes und die Schul- und Studienreformen bereits zu meiner Zeit umgesetzt?

Dank des achtjährigen Gymnasiums hätte ich mit 18 mein Abitur gemacht, noch im selben Jahr meinen Zivildienst beendet und vermutlich mit 21 Jahren bereits einen Bachelor-Abschluss in der Tasche gehabt. Das wäre dem modernen Arbeitsmarkt sicherlich gerechter geworden. Viele schöne Erfahrungen der Zivi-Zeit, von denen ich noch heute zehre, wären mir jedoch verwehrt geblieben.
Und Özkan? Er würde sich heute vermutlich – wenn überhaupt – nur noch an einen Typen namens Steffi erinnern. Der kurz mal reingeschneit kam in sein Leben.

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