Wenn es um Leben und Tod geht

Freitag, 26. Februar 2010


Es gibt kein richtig und kein falsch
Von Matthias Pesch, 25.02.10 im KÖLNER STADT-ANZEIGER
Foto: Max Grönert


Als die Ärzte die Diagnose Down Syndrom bei ihrem ungeboren Kind stellten, stürzte das die Eltern Kirsten Münch und Richard Bähner auf eine Achterbahn der Gefühle. Am Ende entschieden sie sich für den kleinen Marek - und gegen eine Abtreibung.

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Marek ist ein Charmeur. Seine dunklen Augen blitzen, sein Gesicht strahlt, sobald Mama oder Papa Blickkontakt suchen. Und pfiffig ist er auch. Der Fotograf hat ihm einmal gezeigt, wo er sich die Bilder auf der Digital-Kamera ansehen kann - beim zweiten Mal weiß der Kleine schon genau, wo er suchen muss.
Marek, 20 Monate alt, ist ein fröhlicher, aufgeweckter Junge. Dass er einmal im Kinderstühlchen sitzen und Brei löffeln, dass er im Bilderbuch blättern und mit seiner Mutter auf dem Boden spielen, ja, dass er überhaupt leben würde - das war lange Zeit keineswegs sicher. Als Kirsten Münch in der 21. Woche schwanger war, haben sie und ihr Partner Richard Bähner erfahren, dass ihr Kind wahrscheinlich behindert sein würde. Trisomie 21, Down Syndrom, so lautete die Diagnose der Ärzte. Für das Paar brach eine Welt zusammen. Sechs lange, quälende Wochen zehrten nicht nur die Kräfte der werdenden Eltern auf, sie brachten auch ihre Beziehung an die Grenze der Belastbarkeit - bis sie sich schließlich für das Kind entschieden. „Ohne psychologische Beratung und Begleitung hätten wir das nicht geschafft“, sagen die beiden Eltern. „Sie war Gold wert.“

Kirsten Münchs Schwangerschaft verläuft unproblematisch. Dass sie im Zentrum für Pränataldiagnostik in Willich am Niederrhein im Februar 2008 eine spezielle Ultraschalluntersuchung vornehmen lässt, hat keinen besonderen Grund. Auf einem Flachbildschirm können die werdenden Eltern jedes Detail beobachten. „Ich sah unseren Sohn richtig schwimmen“, erinnert sich Goldschmied Bähner, der im Heimatort St. Tönis ein Juweliergeschäft betreibt. Aber ihm fällt auch der weiße Punkt auf dem Herzen des Embryos auf. Der Arzt untersucht, misst - und wird immer stiller. „Ist alles in Ordnung“, will Münch wissen. „Darüber reden wir gleich.“

Es ist nicht nur der weiße Punkt, der den Arzt beunruhigt. Eine Anomalie der Ober- und Unterarmlängen, so genannte Sandalenzehen, eine wenig ausgeprägte Nasenwurzel - „1:16“ sei die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind behindert sein werde. „Das ist bei uns gar nicht richtig angekommen“, erinnert sich die gelernte Bankkauffrau Münch. „Wir waren nur geschockt.“

Hundertprozentige Gewissheit könne nur eine Fruchtwasseruntersuchung bringen, erklärt ihnen der Mediziner. Das Paar ist völlig verunsichert, denn die Untersuchung birgt nicht unerhebliche Risiken für das Kind. Sie wollen eine zweite Meinung. In einer Praxis für Pränatalmedizin und Genetik in Düsseldorf wiederholt ein Arzt eine Woche später alle Untersuchungen - und er relativiert die Prognose des Kollegen in Willich. Auf 1:360 schätzt er die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind mit Down Syndrom zur Welt kommt - nach seinen Berechnungen sei das Kind gesund. „Es war wie eine Achterbahnfahrt“, erinnert sich Bähner. „Zwei Ärzte, zwei Koryphäen, zwei Meinungen.“

Und wieder die Frage nach der Fruchtwasseruntersuchung. Und vor allem danach, wie die werdenden Eltern mit einem negativen Ergebnis umgehen würden. Münch und Bähner setzen sich ins Café. „Ich wollte Gewissheit“, sagt Münch. „Ich wollte mich vorbereiten können. Mit Ungewissheit und Angst hätte ich keine drei, vier Monate leben können.“ Ihr Partner ist skeptisch: „Ich habe eher die Vogel-Strauß-Mentalität verfolgt“, sagt er. „Denn es war klar: Wenn wir die Diagnose einer Behinderung bekämen, müssten wir eine Entscheidung treffen.“ Im Hinterkopf haben beide die Hoffnung, „dass das Kind gesund ist und der Rest der Schwangerschaft keine Tortur wird“. Die Hoffnung wird enttäuscht. Münch lässt eine Fruchtwasseruntersuchung machen - sie bestätigt die Trisomie-21-Diagnose. „Wir sind nur noch nach Hause getaumelt.“

Die folgenden Wochen „wünschen wir niemandem“, sagen die beiden. Sie diskutieren viel, streiten auch heftig, es geht immerhin um Leben oder Tod. Beide sprechen mit anderen Betroffenen und deren Angehörigen, mit ihren eigenen Familien und Freunden - sie gehen unterschiedliche Wege, um für sich zu einer Entscheidung zu kommen. Seit ihrem Besuch in der Düsseldorfer Praxis werden die beiden von Kerstin Hotz-Wegner vom Landesverband Frauen beraten / donum vitae beraten und begleitet. „Sie hat uns von Anfang an klar gemacht: Es gibt keine richtige und keine falsche Entscheidung.“

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Das ist für das Paar einerseits eine erleichternde Feststellung, wirklich entschärft hat sie die Diskussionen aber nicht. Richard Bähner spürt Panik. „Ich hatte das Gefühl, mich mit einem behinderten Kind von allen Träumen verabschieden zu müssen, nie mehr fröhlich sein zu können.“ Gedanken, derer Bähner sich heute schämt. Und er meinte, seine Frau hätte sich, unterstützt von der Beraterin, längst für das Kind entschieden. „Ich fühlte mich ausgegrenzt“, sagt der 44-Jährige. Die Ablehnung ging so weit, „dass ich Kirsten gar nicht mehr als Schwangere gesehen habe. Der Bauch war für mich weg.“

Kirsten Münch hatte einen anderen inneren Kampf durchzustehen. „Vielleicht war ich von Anfang an innerlich überzeugt, das Kind bekommen zu wollen“, gesteht Münch sich ein. „Aber es war mir nicht bewusst.“ Die Angst, den Partner zu verlieren, war groß. Es gab eine Reihe von Gesprächen mit Hotz-Wegner, mal zu zweit, mal alleine. Irgendwann sagte die Beraterin zu Münch: „Sie müssen ihrem Partner sagen, dass Sie das Kind wollen.“ Das hat sie gemacht, und Bähner hat die Nachricht gefasst aufgenommen. Was hat ihn zur Sinnesänderung bewogen? „Ich habe gespürt, dass ein Abbruch für Kirsten nicht machbar wäre. Sie hätte ihr Leben lang darunter gelitten.“ Und heute ist er sicher, dass es ihm selbst nicht anders gegangen wäre.

Von dem Augenblick an ändert sich das Leben der beiden. „In dem Moment, wo die Entscheidung gefallen war, wusste ich, dass es die richtige ist“, sagt Bähner. Die beiden kaufen einen Kinderwagen, streichen das Kinderzimmer, machen ein Fotoshooting mit Babybauch - „all das, was andere Eltern viel früher machen“. Marek kommt vier Wochen zu früh mit Kaiserschnitt zur Welt. „Ich glaube, dass kein anderer Vater seinen Sohn mehr lieben kann als ich“, sagt Bähner.

Marek ist nach den Worten seiner Mutter auf dem Entwicklungsstand eines Kindes von etwa elf, zwölf Monaten. Er hat kleinere motorische Defizite, macht Ergotherapie und Krankengymnastik, „aber er ist aufmerksam, neugierig, beobachtet und fängt an zu brabbeln“. Den Eltern ist bewusst, dass sich die Defizite vergrößern werden - was genau da auf sie zukommt, das wissen sie nicht. „Aber wir sind guter Hoffnung.“

Natürlich richtet sich das Leben der beiden nach den Bedürfnissen des Kindes aus. „Wenn wir ein gesundes Kind hätten, hätte ich sicher früher wieder angefangen zu arbeiten“, sagt Münch. Und sie sind bei der Suche nach einem Kindergartenplatz „schon mit Diskriminierung konfrontiert worden“ - ansonsten hätten sie aber keinerlei Probleme mit Behörden gehabt.

Im Moment steht allerdings ohnehin anderes im Vordergrund. Kirsten Münch ist wieder schwanger. In der 15. Woche. Sie hat wieder eine Fruchtwasseruntersuchung machen lassen - es ist alles in Ordnung. „Es wird wieder ein Junge“, sagt sie.

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