Christkindlmarkt und Siebzigtausend unentbehrliche Lückenbüßer

Dienstag, 8. Dezember 2009

Christkindlmarkt

von Jutta Treiber

Wie jedes Jahr in der Vorweihnachtszeit besuchten wir den Christkindlmarkt auf dem Hauptplatz. Dieses Jahr war er sehr schön gestaltet. Das behaupteten zumindest mein Vater und meine Mutter. Es gab einen großen Christbaum, es gab eine Krippe mit lebensgroßen Figuren und in dem Stall liefen echte Schafe und Ziegen hemm. Meine Mutter war davon hellauf begeistert. Mein Vater war von den Ständen mit Punsch und Glühwein offensichtlich mehr angetan. Ich fühlte mich ein wenig fehl am Platz. Für den Krippen-Kinderkram zu groß, für Punsch und Glühwein ganz offensichtlich zu klein. Irgendwie werden zehnjährige Jungen an einem Christkindlmarkt nicht sehr gut bedient.

Ich stellte mich zuerst in die Punsch- und Glühweinabteilung, aber die Männer, die dort standen, schienen schon etwas besäuselt zu sein und ihre Gespräche waren eher eine Aneinanderreihung von Urlauten als eine intelligente Unterhaltung, also wandte ich mich dann doch der Mutter-Kinderkram-Krippenabteilung zu und beobachtete die Schafe, ebenfalls Urlaute ausstießen.

Es war also eigentlich egal. Ein Christkind tänzelte herum, in silbernem Gewand, mit goldenem Haarschmuck, am anderen Ende des Platzes spielte eine Bläsergruppe und danach sang ein Chor kitschige Weihnachtslieder.

Mein Vater blieb in der Punschabteilung hängen, meine Mutter schlenderte die Stände entlang. Es war erst vier Uhr nachmittags, aber es war schon dunkel geworden. Abendstimmung....
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Siebzigtausend unentbehrliche Lückenbüßer

Artikel aus der STUTTGARTER ZEITUNG vom 08.12.2009

Mit der verkürzten Wehrpflicht droht dem Zivildienst ein schleichendes Ende. Was wird aus den Wohlfahrtsverbänden, wenn sie auf billige, willige Arbeitskräfte wie Fabian Merk und Ruben Frankson verzichten müssen? Eine Bestandsaufnahme.
Von Frank Buchmeier


Ein trüber Mittwochmorgen. Wie jeden Tag wird beim Wohngruppenverbund in Zuffenhausen Menschen geholfen, die kein Dach überm Kopf haben. Der Zivi Fabian Merk, 19, erscheint kurz vor neun in der Dienststelle. Sein Kollege sitzt vor einer Tasse Kaffee. Helmut Latschak ist mit 52 arbeitslos geworden. Jetzt hat er einen Ein-Euro-Job - auch eine Art Ersatzdienst. Latschak war einst pflichtgemäß bei der Bundeswehr, Grundausbildung in Stetten am kalten Markt. "Tolle Kameradschaft", schwärmt er.

Raus in den Regen. Der Dienstwagen ist ein verrosteter, verbeulter Ford. "Caritas eben", sagt Fabian Merk. Dem katholischen Wohlfahrtsverband fehlt das Geld für einen neuen Transporter. Die Fahrt endet in einer Arbeitersiedlung, über den Häusern schraubt sich die Betonrampe der Bundesstraße in die Höhe. Stuttgarter Trostlosigkeit. Latschak schließt die Wohnungstür auf. Es stinkt nach Essensresten, die in der Küche vor sich hinschimmeln. "Hier hat ein Junkie gehaust", sagt Fabian Merk. Der Zivi und sein Ein-Euro-Kollege sollen die Spuren des Elends beseitigen. Entrümpeln, putzen, tapezieren, streichen. Dann zieht der nächste Sozialfall ein.

Fabian Merk ist kein Weltverbesserer. Er trägt keine Friedenstaube am Kapuzenpulli und hat an keiner Antikriegsdemo teilgenommen. Er verweigerte den Wehrdienst, "weil meine Kumpels auch verweigert haben und ich keinen Bock hatte, die ganze Woche in einer Kaserne zu verbringen". Die offizielle Begründung, die eine andere war, hat er aus dem Internet heruntergeladen. Jetzt wohnt er gratis daheim bei Mama, Papa und Schwester in Reichenbach und bekommt monatlich 550 Euro vom Staat. Davon spart er gut die Hälfte für das Studium...
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