Gemeinsam anders leben - Mehr vom Leben

Donnerstag, 27. Mai 2010


So klappt's
Von Nathalie Göbel im SÜDKURIER

Alle reden von Integration. Ob es um ausländische Mitbürger geht oder um Menschen mit Behinderung, das Schlagwort lautet „Integration“ und oft mag man das Wort gar nicht mehr hören.

Zu viele halbherzige Projekte werden gestartet, die nach kurzer Zeit wieder in der Versenkung verschwinden. Entweder, weil sie niemand weiterverfolgt oder weil sie schon von Anfang an nicht darauf ausgelegt waren, länger zu bestehen.

Der kleine St. Georgener Verein „Gemeinsam anders leben“ zeigt, dass es auch anders gehen kann. Petra Misselwitz arbeitet trotz Down-Syndrom im Laden, und das nicht nur einmal pro Woche oder als „Projekt“, sondern mit einem Arbeitsvertrag. Dieser garantiert ihr eine Halbtagsstelle und Aufgaben, die sie darin bestätigen, dass eine Behinderung nicht zwingend den Ausschluss aus dem „normalen“ Erwerbsleben bedeutet.

Die Kunden wiederum kommen ganz unbefangen mit einem Menschen mit Behinderung in Kontakt. So einfach kann Integration funktionieren – ohne Worthülsen, „Projekte“ und Politiker, die meistens auch nicht wissen, wen sie eigentlich wie integrieren möchten.

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Integration beginnt an der Ladentheke
Von Nathalie Göbel im SÜDKURIER

Petra Misselwitz hat das Down-Syndrom und arbeitet seit knapp einem Jahr im „Anderen Laden“ in St. Georgen

An diesem Vormittag ist im „Anderen Laden“ viel los. Gerade noch hat Petra Misselwitz die Second-Hand-Bekleidung wieder ordentlich ins Regal sortiert, da kommt bereits die nächste Kundin. Monika Storz sucht Tassen und Kerzenleuchter für eine größere Familienfeier. So viele, wie sie benötigt, hat sie gar nicht zu Hause vorrätig. Dafür wird sie in der Flohmarktabteilung des Ladens fündig. „Ich finde eigentlich fast immer etwas“, lacht sie.

Petra Misselwitz sorgt derweil dafür, dass die Einkäufe sicher verpackt werden. Sorgfältig packt sie Tassen und Kerzenleuchter in Zeitungspapier ein und rechnet aus, was die Kundin bezahlen muss. „Kassieren, das ist Übungssache“, sagt sie selbstbewusst. Für Petra Misselwitz ist die Arbeit im Laden nicht einfach nur ein Job. Die 40-Jährige hat das Down-Syndrom. Längst nicht alle Menschen, die von dieser Chromosomenstörung betroffen sind, können arbeiten gehen. Viele sind in Werkstätten beschäftigt – für Petra Misselwitz nicht das Richtige.

„Die Werkstattarbeit war für Petra zu monoton“, sagt Bettina Knieß, die gemeinsam mit ihrem Mann Bernhard Anfang 2009 den Verein „Gemeinsam anders leben“ gegründet hat. Die Arbeit mit Menschen ist Petra Misselwitz gewöhnt: Sie arbeitete 14 Jahre lang als Hilfskraft im Kindergarten Schatzinsel. Kleine hauswirtschaftliche Arbeiten gehörten ebenso zu ihren Aufgaben wie das Spielen mit den Kindern.



Alles anders oder ganz normal?
Gefunden in der Frankfurter Neuen Presse

Unter dem Motto «Frauen sind anders – Männer auch» waren vor einem Jahr Menschen mit Behinderung zu einem Schreibwettbewerb aufgerufen. Die jetzt in «Mehr vom Leben» versammelten Texte sind unverstellt authentisch. Sie reichen von prägnanten Zitaten und Gedichten über autobiografische Skizzen bis zu psychologisch treffenden Minidramen und satirischen Kurzgeschichten.

Ihr Anderssein hebt Gehandicapte hervor, aber noch immer sind verschämtes Wegschauen und reflexartiges Mitleid die überwiegenden Reaktionen. Was Frauen und Männer mit den unterschiedlichsten Einschränkungen wirklich bewegt – ihre Pläne und Träume, ihre Vorstellungen von Glück und Liebe, auch ihre Trauer und Resignation – lässt sich hier erfahren. Und so manches lieb gewonnene Vorurteil kann ad acta gelegt werden: etwa jenes, Behinderte würden nur unter ihresgleichen optimal gefördert. Die junge Frau mit Downsyndrom, die von ihrem hervorragenden Hauptschulabschluss an einer normalen Schule erzählt, ist der überzeugende Beweis für die Vorteile des integrativen Lernens.

«Mehr vom Leben» ist anregend und informativ, klug und witzig – auch und vor allem für Menschen ohne Behinderung. kab

Julia Fischer / Anne Ott / Fabian Schwarz (Hg.): «Mehr vom Leben. Frauen und Männer mit Behinderung erzählen». Balance Buch + Medien, Bonn. 279 S., 14,95

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