Quasimodo Geniti by HORA

Freitag, 8. Januar 2010

«Normale» dürfen nur zuschauen
von Kathrin Morf im Zürcher Unterländer

Anmutig tanzt Lorraine Meier durch den Saal, lauscht den Anweisungen ihrer Regisseurin, lacht glücklich über das Lob ihrer Kollegen.

Die fröhliche Frau ist Künstlerin aus Leidenschaft und will auch als solche verstanden werden, was indes nicht immer einfach ist: Meier ist geistig behindert – genauso wie all ihre Schauspielkollegen vom Theater Hora.
Seit einem Jahr proben die Hora-Mitglieder das Stück «Quasimodo Geniti», das sie auch in Eglisau und Opfikon aufführen werden (siehe Kasten). Während einer der letzten Proben vor dem Ernstfall am Sonntag beobachtet die Eglisauer Regisseurin Jacqueline Moro kritisch, wie sich ihre Schauspielerinnen und Schauspieler dem Improvisationstanz widmen. Meier lauscht stirnrunzelnd dem französischen Gesang, der aus den Lautsprechern dröhnt. Sie müsse warten, bis die Musik in ihrem Kopf widerhallt, erklärt sie später. «Dann tanzt es sich wie von allein.»

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Meier spielt die personifizierte Eifersucht, die sich nach ausserehelichen Liebschaften wieder ihrem Mann zuwendet. Tanzend umgarnt sie diesen, leicht streicht ihre Hand über sein Gesicht und entzieht sich ihm wieder. Zuneigung drücken die Darsteller weniger mit Worten als vielmehr mit Bewegungen aus. Die Anziehungskraft zwischen geistig Behinderten, eines der letzten Tabuthemen der Gesellschaft, thematisieren sie unverhohlen. «Liebe und Sex sind die grossen Themen des Lebens, darum soll man sie auch auf die Bühne bringen», betont Moro.

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Nach dem tänzerischen Aufwärmen machen sich die Schauspieler an die Geschichte vom buckligen Quasimodo, der erst wegen seiner Hässlichkeit geächtet wird, am Ende jedoch die Herzen der Menschen erobert. Dass die Hora-Mitglieder ein Stück über Ausgrenzung aufführen, kommt nicht von ungefähr – die meisten von ihnen haben entsprechende Erfahrungen gemacht. «Fast alle Menschen lachen mich aus», erzählt zum Beispiel Meier, die am Downsyndrom leidet. In solchen Momenten ruft Moro ihren Schützlingen ins Gedächtnis, dass eine Behinderung etwas Besonderes sei. «Schliesslich dürfen die meisten Menschen, die ‹Normalen›, nicht bei uns mitmachen», gibt sie zu bedenken.

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Mit ihren Auftritten tun es die Hora-Mitglieder dem Glöckner gleich: trotz ihrer Andersartigkeit wagen sie sich in die Öffentlichkeit und zeigen, wozu sie fähig sind. «Sie sind so motiviert, authentisch, lustig», schwärmt Moro, seit 2007 Regisseurin der Truppe. «Ausserdem sind sie unglaublich spontan. Ich kann sagen: Im neuen Jahr wollen wir auch neue Bewegungen. Und sie setzen das sofort um.» Nie murren die Schauspieler, nie zeigen sie Starallüren, stattdessen spricht aus jedem Schritt und jedem Wort ihre Begeisterung.

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In «Quasimodo Geniti» werden Requisiten und Handlung zur Nebensache, das Hauptaugenmerk liegt auf den Geräuschen, der Musik, dem Tanz. Dabei scheuen die Darsteller auch Disharmonien nicht. Das Leben hat sie gewissermassen dazu gezwungen, aus der Reihe zu tanzen, darum wagen sie dies auch auf der Bühne. Ausserdem hinterfragen sie stetig die gesellschaftliche Definition von Schönheit. «Ich bin schön», ruft zum Beispiel Meier, die ihren Körper mag und wie sie tanzt. Manchmal geniere sie sich zwar, und vor einem Auftritt sei sie oft schrecklich nervös. «Aber wenn wir immer wieder proben, dann wird das besser», sagt sie.
Gianni Blumer hat hingegen nie Lampenfieber, wenn sein Auftritt als Clown bevorsteht. «Meine Figur ist cool und lustig. Und frech wie ich», sagt der junge Mann, der ein grosser Schauspieler werden will und seiner Behinderung mit Gelassenheit begegnet: «Gaga ist doch jeder Mensch ein bisschen», sagt er schulterzuckend und erklärt mit spitzbübischem Lachen, wieso er gerne auf der Bühne steht: «Wegen der schönen Frauen im Publikum natürlich.»

Auftritte in Kirchen
Das Theater Hora, Teil der Stiftung Züriwerk, arbeitet seit knapp 20 Jahren mit behinderten und nichtbehinderten Schauspielern und offeriert dieses Jahr erstmals drei Ausbildungsplätze für geistig behinderte Schauspiellehrlinge. «Quasimodo Geniti» wurde in Berlin und Zürich aufgeführt und gastiert nun in Schweizer Kirchen. Unter anderem in der reformierten Kirche Eglisau am Sonntag, 10. Januar, um 17 Uhr sowie am 29. Januar um 19.30 Uhr in der reformierten Kirche Opfikon. Der Eintritt ist jeweils kostenlos. Im Stück, frei interpretiert nach Victor Hugo, tritt der Zuger Chor Voicesteps gemeinsam mit 20 Hora-Mitgliedern auf.

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