Nicht ohne meinen Sohn

Mittwoch, 10. Februar 2010

Interview mit Herbert Koch, der nicht locker ließ, als man seinem behinderten Sohn die Aufnahme an einer normalen Schule verweigerte.
© sueddeutsche.de


Respekt, Herr Koch, Sie haben vor Gericht durchgesetzt, dass Ihr behinderter Sohn in eine normale Schule darf.

Herbert Koch: Philipp ist jetzt 15 und hat das Down-syndrom. Bisher besuchte er eine Schule, auf der nicht behinderte und behinderte Kinder gemeinsam unterrichtet werden. Deshalb hatten wir nun eine integrative Gesamtschule für ihn aus-gesucht.
Der Direktor und die Lehrer wollten ihn aufnehmen. Aber das Schulamt lehnte ab.Mit welcher Begründung?Es hieß, es sei nicht genügend Geld für Förderstunden vorhanden, die Philipp braucht.

Also kam Ihr Sohn auf die Sonderschule?
Für ein Schuljahr, ja. Er war oft frustriert, fühlte sich unterfordert. Wir empfanden die Ablehnung als ungerecht, denn schon 2001, als wir Philipp einschulen ließen, hatte uns das Schulamt zunächst abgesagt.Sie sind nicht der Erste, der sich gegen solch einen Bescheid gewehrt hat.

Warum hatten Sie Erfolg?
Unser Glück war, dass Deutschland Anfang 2009 die UN-Konvention für die Rechte Behinderter ratifiziert hat. Sie besagt, dass Kinder das Anrecht auf gemeinsamen Unterricht haben. Der Justiziar der Schulbehörde schrieb uns zurück: Das Land Hessen habe das ja nicht unterschrieben, daher gelte es nicht. Der Prozess dauerte ein Jahr, dann durfte Philipp endlich zurück auf die Regelschule.

Hatten Eltern anderer Schüler Einwände, Ihr Sohn könnte das Lerntempo der ganzen Klasse bremsen?
Im Gegenteil, die meisten Eltern haben uns unterstützt. Im gemeinsamen Unterricht an der Schule sind viele Stunden mit zwei Lehrern besetzt. Davon profitieren alle Schüler! Philipp ist mit seinen Leistungen am nächsten am Hauptschulniveau dran und macht wie alle seine Klassenkameraden gerade sein erstes Berufspraktikum: im Frühstücks- und Zimmerservice eines Hotels.

Haben es behinderte Schüler in Deutschland schwerer als im Ausland? Fakt ist: Nur 15 Prozent der Schüler mit sogenanntem sonderpädagogischem Förderbedarf lernen hier an Regelschulen. Anderswo in Europa sind es 80 Prozent.

Ist diese Kluft auch ein Motiv für Ihren Einsatz?
Durchaus. Ich bin selbstständiger Personalleiter und sehe immer wieder, wie viel Unsicherheit in den Betrieben bei diesem Thema herrscht. Viele würden Behinderte nie einstellen. Kinder, die mit behinderten Kindern zur Schule gehen, werden diese Ängste später sicher nicht haben.

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