Der etwas andere Schauspieler

Dienstag, 22. Dezember 2009

Von Frank Rothfuss
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Der zehn Jahre alte Tim Krebs hat das Downsyndrom und mischt im "Tatort" Lannert und Bootz auf

Tim ist Schauspieler. Kein ganz normaler - doch welcher Schauspieler ist das schon? Der zehn Jahre alte Bub aus Luginsland ist ein Kind mit Downsyndrom. Doch down, also niedergeschlagen, ist er deshalb lange nicht: Im Stuttgart-"Tatort" spielt er eine Hauptrolle.


STUTTGART. Das Gespräch beginnt mit zwei schmählichen Niederlagen. Dass Tim mich an seinem Nintendo nass macht, geschenkt. Die kleine Spielkonsole ist für große Daumen nicht geschaffen. Aber die Schlappe am Tischkicker schmerzt. Dabei war ich mir sicher: Gegen das in vielen Kneipengängen antrainierte Können hat ein Zehnjähriger keine Chance. Pustekuchen. Gut, dass für eine Revanche keine Zeit bleibt. Denn eigentlich haben wir uns in Tims Zuhause in Luginsland verabredet, um über seine Rolle im neuen Stuttgart-"Tatort" zu sprechen.

Woraufhin wir wieder am Nintendo landen. Den habe er sich von der Gage gekauft, erzählt der Schüler der Karl-Schubert-Schule in Degerloch, einer heilpädagogischen Waldorfschule. Und ist so das Produkt seiner Filmkarriere. Die begann vor einem Jahr. Der SWR wollte für seinen Stuttgart-"Tatort" mit den Ermittlern Lannert und Bootz ein Drehbuch von Katrin Bühlig verfilmen. Darin geht es um den Tod des über 80 Jahre alten Anwalts Willy Schubert. Alle sind verdächtig. Seine Witwe Brise ist verwirrt, Sohn Peter braucht Geld, Schwiegersohn Holger Martens will die Kanzlei, und Tochter Eva fühlt sich überfordert: Sie arbeitet als Lehrerin, sorgt für die Eltern und zwei Kinder. Tochter Stella und Sohn Oli, ein Kind mit Downsyndrom.

Als Darsteller suchte man also ein Kind, bei dem das 21. Chromosom dreimal statt wie üblich zweimal vorhanden ist. Statt 46 Chromosomen haben sie 47 Chromosomen in jeder Körperzelle. 46 Plus heißt deshalb ein Verein, den Eltern aus Stuttgart gegründet haben. Sie wollen zeigen, dass ihre Kinder weder krank sind noch Pflegefälle und nicht mit Topfschnitt und in alten Klamotten des Vaters daherkommen. Dafür haben sie Plakate entworfen, die Kinder haben mit Promis für einen Kalender posiert, und sie sind vor allem Anlaufstelle für Eltern.

An diesen Verein 46 Plus wandte sich der SWR mit seiner Bitte. Mutter Maren Krebs und Tim hatten Interesse, fuhren nach Baden-Baden. Sie sprachen mit Regisseur Eoin Moore und Kamerafrau Cornelia Wiederholt. "Und eines Tages kam der Anruf: Tim ist dabei!", erinnert sich Maren Krebs. Im Februar wurde gedreht. Leider selten in Stuttgart. In einem schwäbischen "Tatort" steckt viel Baden drin. Es ging nach Kuppenheim, Karlsruhe und Baden-Baden. Acht Drehtage insgesamt, die Mutter immer dabei. Die Großeltern passten so lange auf Tims fünf Jahre alte Schwester Sina auf.

Der SWR hatte extra den Schauspiellehrer Jörg Andrees engagiert. "Ich habe vorher mit Tim geprobt", sagt Andrees, "dass seine Scheu weggeht, er sich auf die Situation einstellen und seine Texte kann." Dazu kam, dass Tim mit der schwierigsten Szene einsteigen musste. Beim Film gilt eine eigene Zeitrechnung, es wird nicht der Reihenfolge nach gedreht. So war Tims erster Einsatz als Oli eine der Schlussszenen, bei der Filmomi, Filmmama und Filmpapa anwesend sind. "Dass fiel ihm anfangs schwer", erinnert sich Maren Krebs, "dass da noch eine Mutter, noch ein Vater und noch eine Omi sind."

"Und ein Filmonkel!", ruft Tim. Gespielt von Andreas Schmidt, preisgekrönt etwa für "Sommer vorm Balkon", mit dem man im Hotel gemeinsam frühstückte. "Die beiden haben gleich einen Draht zueinander bekommen", sagt Maren Krebs. Wie überhaupt alle Rücksicht genommen hätten. "Wenn er mal nicht ,Leonie" rufen wollte, haben alle gewartet." Und wenn sich Tim austoben musste, rannte Eoin Moore mit ihm auf dem Waldfriedhof um die Wette. "Und mit meiner Filmschwester habe ich das L beim Polizei-Auto auf den Kopf gestellt", sagt Tim. "Das hat Spaß gemacht!" Wie das ganze Abenteuer Film. Es habe ihm gutgetan, sagt seine Mutter. "Er ist selbstbewusster geworden." Wie sie überhaupt über ihren Sohn gestaunt hat. Er hat allen Trubel problemlos gemeistert - und konnte sich auch noch verwandeln. Nicht nur, weil er sich im Film am liebsten als Zauberer zeigt. "Als Oli war er anders", sagt sie, "wenn gedreht wurde, war er Oli und nicht Tim." So sind sie die Schauspieler, wandelbar, mit Macken und nicht ganz normal. Doch welcher Schauspieler ist das schon?

1 Kommentare:

Carsten hat gesagt…

Hallo,

ich würde gerne mit Euch Kontakt aufnehmen, finde aber leider keinen Kontakt-Link auf dieser Seite.

http://dieballerina.eu
Einfach auf "Kontakt" oder unten in der Fußzeile auf Impressum klicken.

Danke,
Carsten

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