GEISTig behindert

Donnerstag, 12. November 2009

von Sebastian Gronbach am 11. 11. 2009

Als ich gestern mit unseren Kindern, wie in jedem Jahr, zum Sankt Martinszug ging, kamen wir an einer der üblichen Blaskapellen vorbei. Seit meiner Kindheit liebe ich diese etwas brachiale und dennoch zu Herzen gehende Brass-Musik. Die Kapelle schmetterte Martinslieder und wurde dazu von einem gleichermaßen enthusiastisch, wie disziplinierten Dirigenten angetrieben.

Ich stand hinter dem Dirigenten – noch nie hatte ich einen Kapellmeister gesehen, der so genau die nahezu militärisch korrekte Note dieser Musik, mit der ihr innewohnende harmonischen Beweglichkeit verkörperte.

Ich war fasziniert, wie dieser untersetzte Mann seine Arme mit großem Schwung weit über den Kopf schwang ohne einen Moment die klare Linie der Musik zu verlassen. Ich blieb stehen und staunte darüber, wie jemand diese einfache Musik so sinnlich-übersinnlich manifestieren konnte.

Mit einem schwungvollen Dreh, führte er das kleine Orchester ins Finale, setzte einen knackigen Schlusspunkt, verneigte sich knapp und schlenderte anschließend mit charmanter Lässigkeit ein paar Schritte zur Seite.

Down-Syndrom, Trisomie 21, behindert. Das sind die Begriffe mit denen man in aller Regel Menschen etikettiert, die so sind wie dieser Dirigent. Als er sich umgedreht hatte, sah ich mit Erstaunen, dass dieser junge Mann ein Mensch war, den man mit diesen Wörtern zu charakterisieren versucht.

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Ich kannte ihn von Karnevalsumzügen und anderen Festen – er war mitnichten der offizielle Dirigent dieser Brass-Gruppe. Er hatte sich, wie er es immer tut, vor „sein Kapelle“ gestellt und „spielte“ nun Dirigent. Ganz im Einvernehmen mit den Musikern.

In diesem Moment wusste ich wieder, wie richtig es ist, dass man nicht von „geistig behinderten“ Menschen spricht. Vor mir stand der Beweis für den Satz:„Der Geist ist niemals behindert“.

Geist ist nie dies oder jenes, Geist lässt sich nicht definitorisch einengen, Geist ist, um ein Bild aus dem Hinduismus zu nehmen, „neti neti – weder das noch das“. Begriffe können „es“ nicht festnageln, aber unser Herz kann „sie“ fühlen, unsere Seele kann „ihn“ erleben.

Es ist auch und nicht zuletzt, dem unermüdlichen Engagement vieler Menschen zu verdanken, dass wir heute in eine Gesellschaft hineinwachsen, in der solche „Dirigenten“ ein inklusiver Teil unseres gemeinsamen „Orchesters“ sind.

Wir können alle wachsen, wenn wir demütig erkennen, dass jede Seele pflegebedürftig ist.

Wir können alle wachsen – aber GEIST wächst nicht und ist nicht bedürftig oder behindert. GEIST ist weder das noch das.

Aber manchmal dirigiert er irgendwo in einer kleinen Stadt, eine kleine Blaskapelle,neben dem Sankt Martinsfeuer.

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